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Tolo Szaleńczyk

d.i. Antoni Janowski

geboren 1947 in Lubiance bei Toruń, Polen

lebt in Olsztyn, Polen

Lyrik

szenische Kunst

https://www.youtube.com/watch?v=mzvxucZPUME

Kurzprosa

Übersetzung

Plastik

 

Buchtitel:

Wiersze-Szmatka-Notatka. Olsztyn 1994 (zusammen mit Tamara Bołdak-Janowska)

Jeśli poezja jest bezsilna. Olsztyn: Littera 1998 (zus. mit T. B.J.)

Niewiedomy pies rymów. Olsztyn: Borussia 1999 (zus. mit T. B.J.)

Powrót z nocy. Olsztyn: Borussia 2001

(Tolo Szaleńczyk) Pocałunek oka. Kraków: Miniatura 2016.

 

Zeitschrift (Auswahl):

Borussia: Kultura, historia, literatura. (50) 2011, 121-132, "Cykl: Pacałunek oka"

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 Rainer Strobelt über Antoni Janowski ("... wie die Wurzeln von morgen", impressum, (12) 1998):

"... Antoni Janowski: Mutter Deutsche, stellt sich der Geschichte: "Und nachts sehe ich im Traum mein Profil, hakenförmiger Schatten/gegen die Wand geworfen und zischende Worte - raus Rasse Gas!/Ich schreie: Irrtum! Meine blauen Augen! (aus: "Ich lese Mein Kampf").

... Antoni weiß den Glauben im Kontext unseres Jahrhunderts zu thematisieren: "Nacht, glaube ich, war es/als der Wind Chagalls Kindheit verwirrte./Er hat einen Knaben über die Stadt/himmelhoch emporgetragen in helle Feuersbrunst/mit Christus ohne Arme.../Ohne Arme... weil sie ihm der Künstler.../aus Liebe... weil er sie ihm/vor der Kreuzigung wegnahm."

... Antoni hascht seine Bilder mit Vorliebe in den Lüften: "Und so... gehe ich manchmal gegen den Wind,/ seinen sehr dünnen Hälschen lauschend,/die mit Krawattenbünden geschmückt sind./Einmal kam mir vor, dass der Wind ein Ballon/war aus Bananenschalen,/etwa Filz - durchlöchert von/senkrechtem Lächeln in Vielzahl. Es wehte:/es lispelte."

Wiederkehrende Themen sind: Kinder, der Traum. Tonlage ist das Skurrile: "Die Engel/lassen manchmal kleine Kinder/träumen./Leck und zeig die Finger!/Spürst du?/Wie der jüngste Engel saugt?"

Selbstironie lässt den Leser heran: "Nie werde ich so glänzen/wie ein modernes Auto./Auch nicht wie meine Schreibmaschine,/die alte Olympia."

Pflanzen und Tiere setzt Antoni Janowski zu uns ins Verhältnis: "Ein Blatt ist wie ein Vogel runtergeflogen./Nein, der Vogel ist in Flammen aufgegangen./Aus löchrigen Geheimfächern des Oktobers,/aus dem Zentrum aufs Steinpflaster: verstreuen sich Flügel."

Das geduldig entwickelte Detail, die willkommmengeheißene Assoziation legt bei Antoni Janowski schließlich den Blick frei fürs Ganze: "Mich hat ein wenig kluger Gedanke erwischt:/Die Erde sei wie zwei eng zusammengesetzte Durchschlagsiebe,/am Äquator verschweißt, mit Feuer drinnen,/beklebt mit äußerlich hellblauem/doppeltem Gelee - der Ozeane und des Himmels./Wie ein Augapfel. Durchsiebt von Geschossen./Durchlöchert von Bomben./Ein Augapfel, bestäubt/mit bewaffneten Menschen."

Tamara Bołdak-Janowska und Antoni Janowski: zwei poetische Stimmen aus dem heutigen Polen, die so kraftvoll das Ernste mit dem Heiteren verbinden. Jede für sich ein voller Brunnen, der Hingabe und Humor emporsprudelt. Dabei Themen, die man manchmal verschüttet. Wie kann es nur sein, dass wir - hier wie dort - vollständig zu leben meinten, als wir von ihren Worten nicht wussten?"

 

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Obwohl die Welt ist, wie sie ist, gefällt mir das Leben immer noch, und ich erfinde

Geschichten, die ich meiner Frau vorlese während ihrer Massagen. Es ist dann nicht

langweilig, und ich habe immer einen Hörer (Leser), was mich eigentlich zufriedenstellt.

Kann man denn mehr erwarten?

 

(Übersetzung des polnischen Originaltexts durch Antoni Janowski selbst, 2009)

 

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Kurze Parabel

 

Nicht Leon, sondern der Andere, wusch sich in einem Glas Wasser mit dem Finger die Augen.

Waren vom Schlaf mit Spinnweben verklebt. Er schaute durch das Fenster, justierte die

Weite, erreichte gedankliche Perspektive und dachte.

Nichts Neues lässt sich schließlich über einen Menschen sagen, was nicht schon gesagt

worden wäre.

Und trotzdem schaust du manchmal einen an, der etwas anschaut, und du weißt nichts: Du

weißt nicht, warum er sich so ins Schauen vertieft hat, sich so im Nachdenken verliert.

Noch weniger Neues lässt sich über ein Schwein sagen, ein fremdes Ego durchdringst du

nicht.

Der Nicht-Leon ist aufs Land gefahren, um "direkt vom Bauern" zu kaufen. Eigentlich war

das gar kein Dorf, alles in allem an die fünf Gehöfte, die Bauernschaft Klein-Räudendorf.

Irgendwie schon ein Dorf, auf dem Lande leben ja Schweine. Wo er in den Ohren gerne ein

Beethovenmotiv hatte als den DNA-Code des Menschen, mussten die Küchenwandbehänge

von Klein-Räudendorf darüber nichts wissen.

Vertiefte sich also der Andere in das Betrachten eines Schweines, tat das Schwein dasselbe,

und er denkt: "Warum schaut es mich so an?"

Er denkt: "Ich denke doch nicht schlecht über es, auf jeden Fall nicht schlechter als über ein

Schwein. Und ich denke nicht: Du Schwein! Aber warum bloß schaut ES mich so an?" Wäre

es möglich, in das Ego des Schweins einzudringen, bekäme man die Antwort.

Das Schwein denkt: "Warum schaut er mich so an? Was soll ich über ihn denken? Schlechter

als über einen Menschen lässt sich doch nicht denken!"

 

(Übersetzung des polnischen Originaltexts durch Antoni Janowski selbst und Rainer Strobelt, 2009)

 

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Hinzugefügt

Gegen mein  Herz prallte ein Blatt

Als Stein mit Rasiermesserflügeln

Wir erkannten uns wieder:

Hatten uns doch von der Stecknadel losgerissen

Und dann ab

 

Wir Blätter waren sind werden sein

Einfach so: gestützt vom Wind

Einfach so: geschüttelt Blatt zu Blatt

Einfach so: einander hinzugefügt

Durch Sandkörner

 

(Übersetzung des polnischen Originaltexts von Antoni Janowski selbst und Rainer Strobelt)

 

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B, Ende einer Ballade

 

Der Mensch wächst und wächst  und wenn er dann groß ist, geht er in die Breite; schlägt Wellen an Übermaß und wenn er sich guter Gesundheit erfreut, beginnt er klein zu werden – vertrocknet und verschwindet.

Aber der Schmetterling ist sofort fertig, als ob er ein japanisches mechanisches Spielzeug wäre: trocken wie Pfeffer und bereit, gleich in die Brüche zu gehen.

In der Morgendämmerung vor ein paar Jahrzehnten ist er von A aus losgegangen. Schicksal oder Zufall, jedenfalls wählte er sich aus all den Wegen den nach B aus. Dieser Weg schien ihm der kürzeste zu sein. Wie bei einer Arithmetikaufgabe in der Schule. Also machte er sich munter auf von A nach B, wobei er nicht auf seine Nägel achtete, weder an den Händen noch an den Füßen. Sich umzuschauen, lohnte nicht, weil er in den Augen Hunger nach dem Weg hatte, Freude über ihn und die Mühe, die ihm der Weg bereitete, in dem Moment gleichzeitig aber Frohsinn verbreitete.

     Und der Flieder erblühte und welkte schneller als ein einziges Niesen.

Es dämmerte gerade, und das ist eine lange Dämmerung, also muss es B sein. Das Leben ist schnell wie ein Traum vorüber gegangen: das Leben, ein Tag?

Und die Schmetterlinge? Sie tauchten plötzlich auf wie eine Erscheinung und erinnerten an  ein nervöses Metermaß aus Holz, das nicht immer an denselben Stellen klemmt. Also brachen die Schmetterlinge ihre Metermaße entzwei, nicht selten zu zweit, um  die Illusion zu erzeugen von zwei doppelten Scheren, die sich gegenseitig ausschnitten, von Scheren, die hinter sich zurückließen geschnittene Luft der Stärke 4 , und er, inzwischen auf die Zähne beißend, legte die Gerade  AB so, dass sie die kürzeste sei. Also ging er und ging und Wellen schlagend trug er und tragend schaute er vor seine Füße. Dann wurde er kleiner und kleiner vor dem Hintergrund von quasi-Luftballons, die im Wind hüpften und sich von Zeit zu Zeit losrissen.

     Und der Flieder erblühte und welkte schneller als ein einziges Niesen.

Die Nacht zieht herauf, weil im Punkt B die Nacht immer heraufziehen muss. Die schwärzeste, eine Nacht, aus der Menschen nicht erwachen, um sich an die Träume zu erinnern.

Und ob man es eilig haben musste von Punkt A aus, obwohl der Flieder erblühte und schneller welkte als ein einziges Niesen ...

 

(Übersetzung des polnischen Originaltextes von Antoni Janowski selbst und Rainer Strobelt)

 

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